13
Jun

Mystery-Schatulle

   Posted by: Lena Klassen   in Allgemein

(Foto: J. Klassen)

Hier bewahre ich Texte auf, die zum Thema “Mystery und Romantik” passen,  weise auf Kurzgeschichten hin, die in Anthologien erschienen sind, oder gebe mit alten und neuen Geschichten einen kleinen Einblick in mein Schaffen.

Den Anfang mache ich mit der Kurzgeschichte “Geblendet”, die ich für den “Autorenstuhlkreis” von Clee’s Bücherwelt geschrieben habe. Die Aufgabe: Mehrere Autoren bekommen denselben Satz, in diesem Fall “Das Geräusch zersplitternden Glases ließ mich herumfahren. Meine Augen weiteten sich, als ich sah …”

Geblendet

Das Geräusch zersplitternden Glases ließ mich herumfahren. Meine Augen weiteten sich, als ich sah, dass die gesamte Fensterfront, durch die ich normalerweise den Ausblick über die Hochhäuser und den Fluss genoss, während ich die Büros putzte, in unzähligen Scherben auf dem Boden lag. Der Wind fuhr sofort ins Zimmer und spielte übermütig mit den klappernden Lamellenvorhängen.

Wie gelähmt stand ich da, den Mund offen, und das Staubtuch glitt mir aus den plötzlich unbeweglichen Fingern. Vor mir, mit den bloßen Füßen elegant auf der Kante balancierend, hinter der es siebzehn Stockwerke hinunterging, stand ein Mann. Glassplitter rieselten aus seinen dunklen Haaren und funkelten mit seinem goldenen Brustpanzer um die Wette. Seine Beine steckten in weiten, weißen Hosen, die ein Stück der kräftigen Waden freiließen. Unter der schimmernden Rüstung trug er eine Art weiße Tunika. Ein flatternder Umhang hätte sein Outfit wirkungsvoll abgerundet, doch stattdessen besaß er Flügel, weiß wie Schwanenschwingen, mit einem goldenen Glanz darüber. Flügel! Trotz seiner strahlenden Erscheinung waren die Augen des Mannes, die er brennend auf mich gerichtet hatte, dunkel wie Kohlenstücke.

Ich dachte: Wow, geh bloß nicht weg. Dabei war er gar nicht mal besonders schön, eher imposant. Mein nächster Gedanke, völlig unzusammenhängend: Ich sollte eine Gehaltserhöhung verlangen.

In meinen Ohren rauschte es, vielleicht war es auch bloß der Wind. Nein, er war es, der weißgoldene Typ. Seine Stimme klang wie das Dröhnen einer großen Kirchenglocke. Mir wurde bewusst, dass er mich gerade etwas gefragt hatte.

„Äh?“ In meinem Hirn suchte ich immer noch nach dem Wort, das auf weiß gekleidete, geflügelte Männer passte, aber es wollte mir partout nicht einfallen.

„Du bist in Gefahr, Rosa“, donnerte er. „Ich bin gekommen, um dich so schnell wie möglich von hier wegzubringen. Bist du bereit?“

Ich starrte auf seine vollen, beinahe zu roten Lippen, die sich nicht bewegt hatten, während er sprach. Leicht spöttisch zog er die rechte Augenbraue hoch; es schien ihn zu amüsieren, dass ich so lange für die Antwort brauchte.

„Oh“, sagte ich wenig hilfreich.

„Du bist doch Rosa? Man hat mir gesagt, du wüsstest Bescheid.“

Fassungslos starrte ich weiter, ich war zu nichts anderem fähig. Saß meine Frisur? Was sollte dieses Lächeln, bitte schön? Vermutlich war ich käsebleich oder gerade dabei, mich grünlich zu verfärben. Bestimmt hatte ich einen Schock. Vielleicht sollte ich meinen Kopf kurz in den Eimer mit dem Wischwasser tauchen. Doch statt zusammenzubrechen hielt ich mich irgendwie auf den Beinen und konnte die Augen nicht von diesem weißen, strahlenden Wesen lassen, das unglücklicherweise das Fenster demoliert hatte. Das würde Ärger geben, todsicher. Die Zeitarbeitsfirma, die mir diese Stelle besorgt hatte, würde garantiert mich für den Schaden verantwortlich machen. Zugleich fiel mir ein, dass ich die Scheiben nun nicht mehr putzen musste; es war reichlich viel Arbeit, eine ganze Zimmerwand aus Glas spiegelblank zu halten. Ich war gut, was das betraf, streifenfreie Sauberkeit und so weiter, möglicherweise war er deswegen dagegen geknallt wie eine geblendete Taube.

„Dann habe ich mich wohl geirrt“, stellte er fest. „Du hast absolut keine Ahnung, wovon ich rede. Scheiße, tut mir echt leid wegen des Fensters.“

Durften Engel überhaupt solche unschönen Wörter in den Mund nehmen? Engel. Jetzt wusste ich es endlich wieder. Als hätte jemand in meinem Kopf ein Wörterbuch ausgeschüttelt, rieselten plötzlich jede Menge Wörter, sinnvolle und weniger sinnvolle, auf meine Zunge.

„Ich, nein, äh,  ─  doch, ich bin Rosa. Natürlich bin ich Rosa.“ Tapfer trat ich einen Schritt auf ihn zu. Der Wind pfiff mittlerweile immer heftiger ins Zimmer hinein und fegte die wichtigen Dokumente und die weniger wichtigen Papierkraniche, die Herr Bremer offenbar immer faltete, wenn er sich langweilte, vom Schreibtisch. Ich kannte Herrn Dr. Bremer natürlich nur von dem Schild an seiner Tür.

„Gut“, sagte der Engel erleichtert. „Dann ist ja alles richtig. Komm, wir haben es eilig.“

Er legte die Arme um mich und drückte mich fest an sich; der intensive Duft nach Veilchen und Rosmarin stieg mir in die Nase, und ich fragte mich unwillkürlich, aus welchem himmlischen Garten er wohl gerade herbeordert worden war. Als er von der Kante ins Nichts trat und der Wind uns wie in einem Lift nach oben riss, öffnete mein wachgerüttelter Geist die Schleusen für eine ganze Flut von Fragen.

Kam man wohl in die Hölle, wenn man einen Engel belog?

Und wer, zum Teufel, war Rosa?

(Copyright by Lena Klassen)

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