13
Jan

Leseprobe “Todesadler”

   Posted by: Lena Klassen   in Allgemein

Der Wirt war ein kleiner dicker Mann mit einem roten Gesicht, leuchtend blauen Augen und einem auffallend raschen Mundwerk. Er redete ununterbrochen und hielt nur manchmal inne, um sich mit beiden Händen über die Glatze zu fahren, als gehörte das zu einem wichtigen, nur ihm bekannten Ritual. Er hieß uns unzählige Male willkommen und verbeugte sich andauernd vor mir. “Eine Ehre, welch eine Ehre! Der Prinz! Und das meinem bescheidenen Haus, wie werde ich dich nur zufrieden stellen können, aber ich tue mein Bestes. Kommt herein, kommt nur herein, die besten Zimmer für dich und deine Ritter, ihr werdet müde sein von der langen Reise, auch eure Pferde müssen sich ausruhen, was für eine Ehre, und das mir, der Prinz, der Prinz!” Und so ging es in einem fort. Es kam mir vor, als wollte er mit seiner Unterwürfigkeit und Freundlichkeit die Verachtung und Feindseligkeit der ganzen Stadt ausgleichen. Mir sollte das recht sein. Wir würden nicht so lange bleiben, dass er uns auf die Nerven gehen konnte, und es tat mir gut, dass jemand meine Stellung zu würdigen wusste, auch wenn es nur der rotgesichtige Wirt vom Springenden Hirsch war, der wahrscheinlich alle seine Gäste so begrüßte. Wir bekamen unsere Zimmer zugewiesen, und ich nutzte die Gelegenheit, um mich ein bisschen zu waschen und frische Kleidung anzuziehen. Dann setzten Dera und ich uns in die Schankstube und bekamen jeder einen Krug mit Bier. Ich trank normalerweise keinen Alkohol, aber diesmal sagte ich nicht Nein. Das Bier war sehr kalt und stieg mir schnell zu Kopf. Ich fühlte mich etwas benommen und irgendwie kam mir auf einmal alles so unwirklich vor, dieser Raum und diese Reise und dass ich hier saß und Prinz Adi war.
Dera beugte sich vor, so dass sein Gesicht dicht vor meinem war. Ich hatte nie zuvor bemerkt, wie hässlich er eigentlich war mit seiner gebogenen Nase und den tief liegenden kleinen Augen, diesen dunklen, glühenden Augen, die ihn aussehen ließen wie einen wahnsinnigen Mörder. Dann sprach er und es war wieder der Dera, den ich kannte und schätzte.
“Du hast es gesehen und gehört, Adi, nicht wahr?”
“Ja”, antwortete ich und meine Stimme schien von weither zu kommen.
“Sie sind nicht einfach unzufrieden. Sie sind voller Hass. Sie würden dich und uns alle töten, wenn sie nicht die Vergeltung deines Vaters fürchten würden.”
Ich stellte mir vor, wie mein Vater weinte und tobte und die Stadt Jint dem Erdboden gleichmachte. Es war ein schöner Anblick, die rauchenden Trümmer, die hasserfüllten Augen der Bewohner blicklos. Aus den Mündern, die gesagt hatten: Er sei verflucht, kam nur noch ein Stöhnen und die Bitte um Erbarmen. Mein Vater würde das tun. Er hatte es sowieso vor, dieser grausame Tyrann, dieser Wahnsinnige…
“Warum lachst du?”, fragte Dera.
Ich hatte gar nicht gemerkt, dass ich gelacht hatte.
“Was ist los mit dir?”, rief er besorgt und sein Gesicht war plötzlich über mir. Ich wunderte mich darüber, dass ich auf dem Fußboden lag, ich wusste nicht, wie ich dahin gekommen war. Mir war so schlecht, dass ich nicht sprechen konnte, und was dann passierte, nahm ich nur wie in einem Traum wahr.
“Einen Arzt!”, rief Dera laut. “Schnell, schnell, einen Arzt!”
Der Wirt kam angelaufen. “Verträgt er denn gar nichts?”
“Das ist nicht einfach Bier”, sagte Dera und kostete von meinem Glas. “Du hast den Prinzen vergiftet, Elender! Was hast du genommen?”


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