13
Jan

Leseprobe “Himmel Hölle Welt”

   Posted by: Lena Klassen   in Allgemein

Und dann, in einem wilden, schmerzvollen Entschluß, ging sie zum Friseur. Sie vermochte es nicht, selbst Hand an ihr Haar zu legen. Sie dachte an die Worte ihrer Oma: Ich habe mir noch nie in meinem Leben die Haare geschnitten. Natürlich war es keine geringere Sünde, es einen anderen tun zu lassen – wenn es denn eine Sünde war.
“Das wird aber auch Zeit”, sagte die junge Friseurin, als Elsa, deren Herz wild klopfte, den Salon betrat. Sie hatte nur einen Termin absprechen wollen, wurde aber sofort auf einen der schwarzen Stühle beordert. Ihr Herz klopfte immer lauter. Ihr Gewissen, betäubt, war unter der ganzen lautstarken Aufregung nicht mehr zu vernehmen.
“Wie kurz möchten Sie’s denn?”
“Nicht viel”, sagte Elsa schnell.
“Die sind aber ganz schön kaputt. Sehen Sie, überall Spliß. Da muß aber einiges ab.”
“Okay”, sie mußte sich räuspern und wiederholte etwas lauter: “Okay.”
Die Schere bewegte sich. Instrument weltlicher Eitelkeit. Instrument der Sünde. Wieviel konnte eine Schere sein, wieviel Verdammnis, wieviel Ungehorsam.
Elsa lauschte auf das seltsame mahlende Geräusch, sie spürte den scharfen Kamm immer wieder an ihrer Kopfhaut. Ihr Herz hatte sich beruhigt, ihr Gewissen lag dumpf und schwer irgendwo daneben.
Es ist mir egal, dachte sie, jetzt ist mir alles egal.
“Möchten Sie vielleicht einen Pony? Ich glaube, das würde Ihnen gut stehen.”
Elsa schrak hoch, so tief war sie in Gedanken gewesen, so vertieft darin, sich selbst zu beruhigen. “Nein”, sagte sie, “nein, nein, das wäre zuviel Veränderung auf einmal.”
“Wie Sie wollen.”
Sie durfte sich von hinten sehen. Ihre Haare waren noch immer lang, ein gutes Stück über die Schultern. Es sah voll und gesund aus. Ein Schleier. Bitteschön, das wäre jetzt ein Schleier. Auf einmal fühlte sie sich frei und leicht. Sie fühlte sich so beschwingt, daß sie in das Geschäft gegenüber ging und sich eine Hose kaufte. Es dauerte ziemlich lange, bis sie eine passende gefunden hatte, denn sie kannte ihre Größe nicht.
“Würden Sie das Etikett abmachen?” bat sie die Verkäuferin. “Ich möchte sie gleich anziehen.”
Als sie dann, behost, hinaus auf die winterliche Straße trat, fühlte sie sich wie ein neuer Mensch. Sie hätte die ganze Welt umarmen können. Und da sah sie ihn.
“Hallo, Markus.”


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