13
Jan

Leseprobe Schwesterherz

   Posted by: Lena Klassen   in Allgemein

“Wie ordentlich du es hast”, staunte Gerda, deren eigener Garten regelmäßig von einer ganzen Welle struppiger Kräuter überschwemmt wurde – allerdings machte sie ihnen genauso regelmäßig den Garaus, so dass es bei ihr mindestens so gepflegt aussah wie hier. “Das blüht ja wunderbar hier bei dir.” Sie fasste Friedchen genau ins Auge. “Du arbeitest mit Handschuhen, das ist gut so, ich mach immer alles mit der bloßen Hand. Neulich beim Friseur, da meinte die Sabine – das ist die Beste dort, ich lass mir von keiner anderen die Haare machen als von ihr – , ja, sie meinte, es wäre ganz schön gefährlich, wegen – ja, Tetanus. Wegen Tetanus. Und überhaupt, in den Gärten würde es nur so von Giftpflanzen wimmeln. Aber ich halte das für Unsinn, oder, was meinst du, Frieda?”
Friedchen zuckte zusammen. Sie hasste es, wenn man sie Frieda nannte. Sie hieß nicht Frieda. Sie hatte noch nie Frieda geheißen. Und Gerda wusste das nur zu genau. Sie hatte Gerda wirklich noch nie ausstehen können.
“Bei mir wimmelt bestimmt nichts”, wehrte sie trotzig ab. “Bei mir ist nichts giftig.” Sie wusste nicht so recht, ob sie empört sein sollte. “Bei mir kommt nichts Giftiges in den Garten. Stimmt doch, Frau Althoff, oder? Sind Sie nicht Biologielehrerin?”
“Meine Schwester ist die Lehrerin”, sagte die Fremde und versuchte, nicht so schlau zu klingen, wie sie wahrscheinlich war. “Aber mit der Hecke würde ich schon aufpassen. Und bestimmt haben Sie auch Tulpen und Maiglöckchen und all das.”
“Das ist alles giftig, ich sag´s ja”, trumpfte Gerda auf.
“Die Hecke?”, fragte Friedchen verstört. “Das ist Buchsbaum, der ist nicht giftig.”
“Das ist eine Eibenhecke”, berichtigte die Fremde. Es schien ihr selbst sehr peinlich zu sein.
“Die ist giftig?”, fragte Gerda überrascht. “So richtig giftig?”
“Ich sag den Kindern schon immer, sie sollen da nicht beigehen bei den Beeren”, sagte Friedchen schnell. “Aber die roten Beeren, das zieht sie an wie sonst nix, sehen ja auch aus wie Johannisbeeren oder Kirschen, und wenn die Mutter nicht aufpasst…” Es bereitete ihr Unbehagen, dass wieder das Wort “Aufpassen” gefallen war. Es klang so vorwurfsvoll. Fast unverschämt klang es. Sie bemühte sich nach Kräften, alle Verantwortung von sich zu weisen. Wenn sich hier irgendjemand vergiftete, konnte sie jedenfalls nichts dafür.
“Da gehen doch hoffentlich keine Kinder ran!”, rief Gerda. “Bei so was Giftigem. Was sagten Sie, ist schon das Berühren giftig?”
“Ich weiß nicht recht”, überlegte die Fremde. “Aber essen dürfen Sie Eibe auf keinen Fall.”
“Wer sollte das denn auch essen”, meinte Friedchen. “Kein Mensch isst meine Gartenhecke.”
“Stirbt man denn da gleich?”, verlangte Gerda zu wissen. “Von so einer kleinen Beere?”
Sie blickte die Fremde fordernd an. Die so zur Expertin ernannte Frau Althofff wurde gezwungen, auch den letzten Rest ihres Wissens preiszugeben.
“Ich weiß nicht, wie viel davon nötig ist. Aber ich probier´s lieber nicht aus. Haben Sie das nicht gelesen, das stand doch vor einigen Monaten in der Zeitung. Da hat ein Mann Eibentee getrunken und lag wenig später tot in seinem Bett.”
“Tee”, wiederholte Gerda. “Wer trinkt denn Eibentee, das ist ja verrückt.”
“Was die Menschen nicht alles Verrücktes tun”, meinte Friedchen. “Hast du das mit dem Jungen von den Siekmanns gehört, Oliver, ohne Licht ist er gefahren, ist das nicht furchtbar?”
Gerda stimmte wortreich zu.
“Die Nadine war´s”, verriet Friederike fast flüsternd. “Die hat ihn überfahren.”
“Doch nicht die Nadine von den Engels?”
“Doch, genau die. Plötzlich hatte sie das Fahrrad in der Windschutzscheibe. Ihr ganzes Gesicht soll wohl blutig gewesen sein. Anscheinend sind auch ihre Augen verletzt und sie wird blind, jedenfalls ist sie jetzt im Krankenhaus.”
Sie blickten sich voller Entsetzen an und schüttelten gemeinschaftlich die Köpfe.
Und die Fremde sagte “Tschüss”, ohne jemanden dabei anzusehen, und machte sich aus dem Staube.
“Hm”, brummte Friedchen und runzelte die Stirn.
“Hast du schon öfter mit der gesprochen?”, wollte Gerda wissen. “Ich seh die jetzt zum ersten Mal von nahem und dabei wohnen die hier schon drei Monate.”
“Zwei”, sagte Friedchen langsam. “Ich frage mich bloß, woher…”
“Aus Bremen”, warf Gerda hilfsbereit ein.
“Wären sie da mal geblieben”, knurrte die Alte und blickte dem gelben Kleid feindselig nach.


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