4
Jun

Gedichte

   Posted by: admin   in Allgemein

Aufzugeben. Einfach zu verschwinden
sich in einer fremden Stadt verlieren
unsichtbar zu sein. Mit niemand reden
und von niemandem erkannt zu werden
irgendwo in einem Dschungel leben
zwischen dunklem Laub und schwarzer Erde
wie in einem Traum. Ein Feuer finden
dazusitzen und die Wärme spüren

Während mich die Schlingpflanzen umwuchern
Riesenschmetterlinge mich umfliegen
höre ich die wilden Vögel schreien
höre ich die fremden Tiere rufen
Wie sich sonst aus einer Welt befreien
die sich vor mir auftürmt, tausend Stufen -
manchmal möcht ich nur mich selber suchen
und nichts andres, als im Bett zu liegen

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Schlaf

Ich steige in den schmalen grauen Kahn
Und tauche morsche Ruder in die Fluten
Der Fluss nimmt uns nur zögernd in die Bahn
Doch kann ich ihm nichts sagen oder rufen
Und selbst das Holz in meiner Hand wird schwer
Es fällt aus meinem Griff. Ich lass mich treiben
Von sachter Strömung weiter hin zum Meer
An keinem Ort kann ich jetzt lange bleiben
Das Boot gleitet durch waldumsäumtes Land
Wo schwer die Weiden übers Wasser hängen
Ich fürchte nichts, das alles ist bekannt
Und neu befreit von Fremdheit und von Zwängen
Die Teiche liegen still und schwarz vor mir
Bedächtig sinkt mein Kahn in dunkle Tiefe
Mir ist, als sänk ich träumend hin zu dir
Als seist du da, am Grund, wenn ich hier schliefe
Als hielten deine Arme mich umfasst
Und über uns die Wasser strömten weiter
Ich will nichts mehr. Hier gibt es keine Hast
Es ist das tiefste Atmen, und kein Zweiter
Und keiner außer uns, und wir sind eins
Bewegt die Ruhe. Fische seh ich schwimmen
Und Tiere, solcher Art noch sah ich keins
Und Blumen, Lichter; grüne Augen glimmen
Durch diese Nacht, die uns in sich verhüllt
Ich kann nicht schrein und vor dem Grauen fliehen
Ich bin gebannt, wo mich ein Fluten stillt
Wo schwarze Wogen mich im Schlafe wiegen

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Abenddunkel

Ich gehe durch den Garten und die Nacht,
und abenddunkel legt es sich um mich,
ich bin ein Gast, der heimischer nie war,
und dem es ist, als sei er erst erwacht,
und scheu zum Dunkel sagt: Ich liebe dich,
sei mir nicht fremd, du bist so wunderbar …

Der Regen rinnt auf mich hinunter, sanft,
und netzt mit feinen Tropfen mir mein Haar,
und streichelt meine Haut, als sei ich auch
ein Baum, der nichts als solches Kosen kennt,
dem dies das Gütigste des Daseins war,
ein Teil des Gartens, Blume oder Strauch …

Und weit her von den Straßen dumpf es rauscht,
doch bleibt des Gartens Einvernehmen tief,
es ist, als ob er heimlich in sich lacht
mit mir, und beide haben wir gelauscht,
wie Wissende, die etwas andres rief,
und wir sind eins mit Schweigen und mit Nacht …

Denn nichts ist wahrer, als was draußen weich
und leise schwingend mit dem Winde ruht,
und immer bleibt und sich mir still entzieht –
doch, kaum zu merken, wächst, den Knospen gleich,
das Schweigen mir im Herzen, und wie Flut
deckt Stille mich und schenkt mir Nacht und Lied …

(Lena Klassen)

Dieses Gedicht erschien übrigens 1996 in dem Gedichtband “Südlich liegt die Sanftmut – neue Gedichte von Leserinnen” im Ullstein-Verlag. Das war meine allererste Veröffentlichung!


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