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Nov

2. Kapitel “Königin aus Lied und Lüge”

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2. Kapitel/3

»Zeigt mir die königlichen Gemächer, meine Königin«, verlangte er.
Sie führte ihn die Stufen wieder hinauf, breite Stufen, mit Teppich belegt, der ihre Schritte dämpfte. Die Zimmer des Königs zeigte sie ihm, seit Jahren unbewohnt, und die Zimmer der Königin. Es waren große Räume, aber im Vergleich zu der Pracht der Säle und Hallen, die er bis jetzt gesehen hatte, waren sie schlicht, ja sogar karg ausgestattet.
»So habe ich es gehört«, meinte er. »Ihr schlaft lieber in einem Zelt als in deinem Schloss.«
»Nichts weißt du«, entgegnete Jebat, »überhaupt nichts.«
»Ich möchte, dass wir …« Er unterbrach sich und berührte ihr schimmerndes Haar. Seine Fingerspitzen prickelten.
Sie wich seinem Blick aus. »Es sind noch Stunden bis zum Abend.«
»Ich muss wissen, dass ich wirklich König bin«, sagte er. »Ich muss es jetzt wissen.«
Zum Glück war Isra nicht hier. Isra und sein tadelnder Blick und sein warnendes Kopfschütteln. Isra, der ihm raten würde, zu warten. Und der ihn daran erinnern würde, dass Jebat zwar seine Gemahlin, aber immer noch Jebat war.
Rik schickte die Diener hinaus und befahl zwei seiner Soldaten, vor der Tür zu wachen. Während er das tat, stand die Frau am Fenster und sah hinaus auf die Stadt, die sie ihm gegeben hatte, um sie zu retten. Rik trat hinter sie und fühlte den Ansturm des Glücks, als er auf die Dächer herabsah, unter denen seine Untertanen lebten.
»Unsere Stadt«, sagte er. »Komm«, fügte er ungeduldig hinzu, begierig auf seinen endgültigen Triumph. Als sie nichts antwortete, den Blick nicht von der Aussicht abwandte, nahm er sie bei der Hand und führte sie, die sich nicht sträubte, zum Bett. Aber jetzt, da sie ihm so nah war, ein Gegenüber, vermochte er die Heldin der Lieder nicht mehr zu sehen. Was er nun sah, war ein junges, kindliches Gesicht, bleich vor Schrecken, verstört wie jemand, der aus furchtbaren Träumen gerissen wird, die Augen verschleiert vor Angst.
Da vergaß Rik sein Glück.
»Nein«, bat er, »fürchte dich nicht vor mir.«
Er streichelte ihr Haar mit einer Zärtlichkeit, die ihn selbst überraschte, der sich vorgestellt hatte, Winhannat und auch Jebat im Sturm zu nehmen, ohne Zögern, ohne sich aufhalten zu lassen, gewaltsam, wenn es nicht anders ging. Aber er konnte mit Ascha nicht tun, was er Jebat hatte antun wollen. Seine Hände wurden sanft und geduldig.
»Mach die Augen zu«, flüsterte er.
Es dauerte lange, bis sie sich so weit beruhigte, dass sie zu zittern aufhörte. Sein Verlangen nach ihr wurde immer größer; es war jedoch nicht mehr der Wunsch, Jebat zu besitzen, die Königin, sondern sie, dieses Mädchen mit der weichen Haut. Sie, die vor der Berührung seiner Hände erschrak. Er wollte ihr nicht wehtun und er wollte sie niemals loslassen, niemals aufhören. Sie.
(Ascha.)

Irgendwann schlief er ein, wobei ihm seltsam unglücklich zumute war. Er verstand dieses Gefühl erst, als er mitten in der Nacht erwachte und fand, dass er allein war. Das Bett war leer. Rik stand auf, um sie zu suchen, zu erreichen, er musste sie erreichen – sein Mädchen, seine Königin. Sie hasst mich, dachte er auf einmal, und es zerriss ihn innerlich.
Er warf sich seinen Umhang über und trat durch die Verbindungstür in die Gemächer der Königin. Aber dort war sie nicht. So ging er von Tür zu Tür, ohne ein Licht, auf der Suche nach den Lauten ihres Atems. Schließlich, am Ende der königlichen Räume, hinter der letzten Tür, fand er sie in einem verdunkelten kleinen Zimmer. Er hörte ihr Schluchzen durchs Dunkel. Jetzt hätte er gehen müssen, aber er vermochte es nicht.
»Jebat?«, fragte er leise in die Dunkelheit hinein.
Sie antwortete nicht, versuchte nur, ihr Weinen zu unterdrücken. Seine an die Finsternis gewöhnten Augen nahmen ihre Gestalt wahr. Sie lag auf dem Bett und weinte; nachdem sie das große Bett verlassen hatte, war sie in dieses schmale gekrochen, um ihren Tränen freien Lauf zu lassen. Er hatte kein Recht, sie zu stören.
Trotzdem blieb er, trotzdem trat er näher, er setzte sich neben sie und streichelte ihr Haar. Es war doch nicht möglich, dass sie ihn hasste, dass sie seinetwegen weinte. Sie war Jebat. Sie hatten gekämpft, und er war der Sieger. Dafür durfte sie ihn nicht hassen.
Sein Umhang fiel. Er legte sich zu ihr, hinter sie, die ihm den Rücken zugekehrt hatte. Scheu berührte er ihre Schulter. Er wünschte sich, sie trösten zu können – doch wie hätte er das tun können, da er doch die Ursache ihres Kummers war?

This entry was posted on Montag, November 30th, 2020 at 10:19 and is filed under Fantasy. You can follow any responses to this entry through the RSS 2.0 feed. Both comments and pings are currently closed.

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