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Nov

2. Kapitel “Königin aus Lied und Lüge”

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2. Kapitel/2

»Wie ruhig du bist«, raunte Jann der Soldat dicht neben ihr.
Ascha hatte keine Stimme, um ihm zu widersprechen. Äußerlich wirkte sie vielleicht ruhig und gefasst, aber in Wirklichkeit zitterte sie am ganzen Körper, und ihr Herz schlug so heftig, dass sie fürchtete, es könnte aussetzen.
Der Herold kündigte Rik an. »Steh jetzt auf«, sagte Jann neben ihr, aber sie blieb sitzen, nicht aus Hochmut oder Aufbegehren, sondern weil sie fürchtete, ihre Beine würden sie nicht tragen.
Musik. Und da kam er, Rik, der junge Eroberer, hinter ihm seine auserwählten Kämpfer.

Er ging rasch, nicht feierlich. Er war ungeduldig, in seinem Herzen war Freude und Staunen, auch Stolz, ungeheurer Stolz, er, Rik, Sohn armer Bauern, er nahm Winhannat ein, er wurde König! Und da saß sie, Jebat von der man Kriegerlieder sang, und obwohl sie nicht aufstand vor dem Sieger, würde er König sein an ihrer Seite.
»Jebat von Winhannat«, sagte der Herold, »empfängt Rik.«
Noch einmal tat ihm sein Name weh, die Kürze dieses Namens, das letzte Mal. Rik von Winhannat bald, es war ein Wunder, nein, es war mehr als das, es war Erfolg, für den er bitter gekämpft hatte.
Jebat schwieg immer noch.
»Wann«, ergriff der Herold wieder das Wort, »wünschst du die Trauung?«
»Sofort«, sagte Rik. »Feiern können wir später. Ich will es sofort.« Bevor sie mich töten lassen kann, dachte er, in sich hineinlächelnd. »Ich habe meinen eigenen Priester mitgebracht.« Er suchte Jebats Blick. Siehst du, auch daran habe ich gedacht. Falsche Trauworte wird es bei uns nicht geben. Aber sie sah ihn nicht richtig an, und er musste seinen Triumph für sich behalten. Doch seine Freude war groß genug, und er scharrte aufgeregt mit den Füßen.
»Ganz ruhig«, murmelte Isra, sein Ritter, hinter ihm.
Ein hagerer Mann mittleren Alters – ihr Ratgeber? – führte die Königin zu ihm. Nun, da sie vor ihm stand, sah er erst, wie jung sie war. Ein Mädchen. Sie war die größte Heldin, die die acht Königsstädte je hervorgebracht hatten, aber so sah sie nicht aus. Ihre Augen waren grau und ängstlich, das dunkelblonde Haar umrahmte ein kindliches Gesicht. Sommersprossen sprenkelten die kleine Stupsnase. Rik fragte sich, was er hier eigentlich verdammt noch mal tat, doch für einen Rückzieher war es längst zu spät. Der Priester ergriff seine und Jebats Hand und sprach die richtigen Worte.
»Jebat, gesegnete Tochter von Serl, König von Winhannat, und Kunita, Königin von Winhannat«, sagte er. »Und Rik, Sohn von Mako und Nora, gehört nun zusammen.«
Rik hatte vorher mit dem Priester vereinbart, die Berufe seiner Eltern auszulassen, obwohl das unüblich war. Ein Landpächter und eine Melkerin – nicht, dass er sich für seine Familie schämte. Seine Eltern hatten beide ihr Leben lang hart gearbeitet, und er hatte immer genug zu essen gehabt. Es war der Kontrast zu Jebats Herkunft, der ihm Unbehagen bereitete.
Der Priester segnete sie beide im Namen von Jodis, die Göttin ist über alles, und legte dann ihre Hände zusammen. Jebats Hand war kalt und verschwitzt, und er empfand unwillkürlich Mitleid, da sie so zitterte. Weil das Protokoll es verlangte, drückte er ihr einen flüchtigen Kuss auf die eiskalten Lippen.
Er hörte Isra leise lachen und Glückwünsche murmeln. »Gratuliere, König Rik.«
Konnte es wirklich wahr sein? König Rik von Winhannat, das war er nun! In diesem Moment hätte er schreien können vor Glück.
Sie traten hinaus auf den Balkon. Isra blieb dicht hinter ihm, der hagere Ratgeber stand hinter der Königin. Die Soldaten füllten den ganzen Platz aus, und ihre Rufe waren laut und froh. Rik winkte, und der Lärm wurde stärker.
»Wo sind die Bürger von Winhannat?«, fragte er. »Warum feiern sie nicht mit?«
»Wo ist das Brot, das du versprochen hast?«, fragte die Frau neben ihm zurück.
Rik wandte sich an Isra. »Die Vorräte«, sagte er zu seinem Ritter. »Es ist Zeit, dass sie verteilt werden. Und«, meinte er zu Jebat gewandt, »meine Männer müssen ihre Belohnung erhalten. Ich möchte, dass die Schatzkammer geöffnet wird. Wir wollen doch nicht, dass sie zu plündern beginnen.«
Jebat nickte.
Sie führte ihn durch den Palast. Es war das Schönste, was Rik je gesehen hatte – die bemalten Wände, die goldenen Rahmen, die Stoffe, die Teppiche. Es duftete nach Zitronenöl und Zedernholz, nicht nach Stroh und Hühnern und Abwasser wie unten in der Stadt. Ganz Winhannat stank nach Hunger und Verzweiflung, doch hinter den dicken Schlossmauern war es kühl, und das Aroma von Zitrone und frisch geschlagenem Holz hing in der Luft. Sogar die Königin roch danach, als wäre sie etwas, was ein Meisterhandwerker geschnitzt und belebt hatte, eine Frau, die nicht echt sein konnte, die aus Musik und Versen bestand.
Aber sie war echt. Sie war Jebat – Sommersprossen und verschwitzte Hände und graue Augen und eine heisere Stimme.
»Hier ist es.« Hinter diesen Türen lag also die Schatzkammer. Der Schatzmeister, ein knochiger Mann mit eingefallenen Wangen, stand davor und zögerte, Jebat den Schlüssel auszuhändigen, als täte es ihm leid um das, was er behütete. Er hatte ein Gesicht wie ein Jagdhund und knurrte leise, doch er gehorchte. Jebat ergriff den Schlüssel und öffnete. »Hast du es dir so vorgestellt?«
Hatte er Truhen erwartet, aus denen Gold und Perlen flossen? In der Schatzkammer herrschte strenge Ordnung. Auf den Regalen zur Linken stand Kiste an Kiste, jede davon sorgfältig beschriftet. Goldbarren bildeten eine glänzende Mauer auf der anderen Seite, und mit Münzen gefüllte Säcke waren ordentlich an der dritten Wand aufgestellt. Wie es aussah, hatte er seinem Heer nicht zu viel versprochen.
»Beeindruckt?«, fragte die Königin.
»Oh ja«, gab er freimütig zu, »das bin ich. Es wird genug übrig bleiben, wenn meine Soldaten ausbezahlt sind.«
Er betrat die Kammer, strich mit der Hand über die Goldbarren, hob den Deckel einer Kiste an und versuchte, die Menge an Münzen zu schätzen. »Die Lieder haben nicht gelogen. Ja, jetzt glaube ich, es ist alles wahr, was ich gehört habe.«
Er wandte sich an den Schatzmeister. »Ich habe jedem meiner Soldaten zehn Goldtaler versprochen. Sorg dafür, dass meine Hauptleute mit der Verteilung beginnen können.«
»Ein jeder, der von diesem Schatz etwas nimmt, wird sterben«, sagte Jebat. In diesem Moment wirkte sie nicht mehr ängstlich, sondern wütend, und mit Unbehagen erinnerte er sich an das Lied, in dem darüber gesungen wurde, wie sie dem König von Ilech ein Messer an die Kehle gesetzt hatte.
»Edle Königin, ich bin nun der König von Winhannat, ich habe das Recht dazu.« Trotzdem war ihm wieder bewusst geworden, wer sie war, diese bleiche Frau, Jebat, von der die Lieder erzählten. Vielleicht würde sie ihn doch noch ermorden, ihn und alle, die ihn hierher gebracht hatten. Er hatte die Verse schon auswendig gesungen, als er noch auf dem Feld Kartoffeln ausgrub. Jebat ähnelte darin kaum einer lebendigen Frau – sie war schier unbesiegbar. Er hatte sie bewundert und gehasst für alles, was sie war und er nicht sein durfte.
Doch nun war er hier. Niemand war unbesiegbar.

This entry was posted on Samstag, November 28th, 2020 at 10:52 and is filed under Fantasy. You can follow any responses to this entry through the RSS 2.0 feed. Both comments and pings are currently closed.

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