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Nov

2. Kapitel “Königin aus Lied und Lüge”

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Die Entscheidung (2. Kapitel/1)

Jebat stand in der Mitte des Zimmers und warf den Kopf zurück, als sei es ihr lästig, das Haar aus der Stirn zu streichen, eine trotzige Geste wie ein junges Pferd. Ihr Haar, dunkelblond, ungekämmt, flutete ihr über die Schultern, auf den blauen Umhang, den sie über ihrer Rüstung trug; dichtes, zerzaustes Haar. Ihre blauen Augen jedoch waren nicht, wie Ascha erwartete, voller Zorn und Auflehnung, sondern glitzerten tränennass wie dunkle Tieraugen. Ein paar widerspenstige Strähnen fielen ihr ins Gesicht, aber sie machte sich nicht die Mühe, sie hinter ihr Ohr zu schieben. So stand sie mitten im Zimmer, und Ascha, mit dem Rücken zum Fenster, wartete, dass sie sprach. Es war offensichtlich, dass die Königin etwas Wichtiges zu sagen hatte.
»Ich habe mich entschieden.«
Das war es also, natürlich war es das. Das Belagerungsheer vor den Toren der Stadt wartete auf ihre Entscheidung, die ganze Stadt wartete ängstlich auf Jebats Antwort, auch Ascha wartete. Seit Monaten hatten die Feinde niemanden mehr nach Winhannat hinein- oder herausgelassen, und aus dem selbstbewussten Siegeswillen, der zu Beginn der Belagerung noch die ganze Stadt beherrscht hatte, war kleinlautes Jammern geworden. Der Hunger hatte sie besiegt. Nicht Rik, dachte Ascha, nur der Hunger. Er war der stärkste Feind, den es geben konnte, und nicht einmal Jebat, die berühmteste Königin der Wunderbaren Städte, konnte ihn überlisten.
Sie hatten darüber gesprochen, ob es nicht möglich wäre, Rik beizukommen. Aber alle ihre Pläne waren gescheitert. Ihre Verbündeten aus den anderen Städten – sie kamen nicht. Weder aus Barat noch aus Selion waren Soldaten anmarschiert, weder Wilojan noch Ralass hatten Hilfe geschickt. Auch Ilech, Trinza und Jaginor blieben stumm. Acht Städte gehörten zu ihrem Bund, und gemeinsam hätten sie Rik dahin zurückgeschickt, wo er herkam, doch entweder hatte Rik ihre Boten abgefangen oder die Nachricht von der Bedrängnis, in der sich die erste Wunderbare Stadt befand, war gar nicht bis zu ihnen vorgedrungen.
Vermutlich hatte er sämtliche Straßen gesperrt.
»Ich werde ihm mein Ja übermitteln lassen.«
Dennoch war Triumph in Jebats Worten, nicht die Trauer, die ihre Augen bewiesen, und Ascha fühlte eine seltsame Bangigkeit über sich kommen.
»Was wird geschehen?«, fragte sie.
»Ich kann die Stadt nicht für mich opfern. Das verstehst du doch, nicht wahr? Ich bin Königin, ich kann meine Stadt nicht opfern.«
Wen dann?, wollte Ascha fragen, aber sie nickte nur. »Ich weiß.«
»Er bekommt mein Ja. Ich lasse die Tore öffnen, und Rik wird herkommen und heiraten – dich. Tust du das für mich, Ascha? Sobald die Feinde in der Stadt sind, werde ich losreiten und Hilfe holen. Ich werde meinen Platz zurückerobern, bevor der neue König sich auch nur eingelebt hat.«
»Ich soll ihn heiraten?«
»Er hat mich nie gesehen. Er wird die Frau heiraten, die als Jebat auftritt.« Die Frage: Tust du das für mich?
Ascha erkannte sofort, wie geistreich diese Lösung war. Der vermessene Eroberer würde eine einfache Frau heiraten, und das würde ihm den Adel, nach dem er so gierte, nicht verleihen. Und die Verbündeten, die Jebat jetzt nicht erreichen konnte und die ihr später gegen den eigenen Mann nicht helfen durften, würden sie bereitwillig unterstützen, Rik wieder zu verjagen, wenn sie ihm nur für einige Zeit ihren Thron überlassen hatte. Rik, mit Jebats Freundin vermählt, ahnungslos sich am Ziel seiner Träume wähnend …
»Tust du das für mich?«
»Und er – Siran?« Der Mann, mit dem Ascha verlobt war, was war mit ihm?
»Ich werde ihn in den Kerker werfen lassen. Es ist ja nicht für lange.«
Ascha schloss die Augen, um Jebat nicht ansehen zu müssen. Siran im Kerker. Natürlich, er würde nicht schweigen, er würde schreien: Das ist meine Braut! Sie hörte seinen Schrei, wütend, ungläubig, verzweifelt: Ascha!
Tust du das für mich?
Jebat stand jetzt dicht vor ihr, die Augen gerötet von Tränen und zu wenig Schlaf, bleich, ihr Umhang war zerrissen. Ich müsste ihn nähen lassen, bevor ich ihn trage, dachte Ascha, ich müsste …
Für mich?
Königin.

Rik zog in die Stadt Winhannat ein wie ein Sieger: lachend und strahlend und aufgeregt, so aufgeregt. Er zog durch die breiten Straßen bis zum Palast, in dem Ascha auf ihn wartete. Sie trug Jebats Rüstung, Jebats Umhang, Jebats Schwert; von weitem konnte man sie für die Königin halten, denn sie war von gleicher Größe, fast gleicher Haarfarbe, ähnlicher Gestalt. Sie waren sich schon immer so ähnlich gewesen, fast wie Zwillinge, wenn man nicht direkt vor ihnen stand und ihnen in die Gesichter sah, um überrascht festzustellen, dass jede von ihnen ihr eigenes Gesicht besaß. Ascha saß auf dem Thron und wusste, dass niemand, der sie nicht gut kannte, den Betrug bemerken würde. Wenn die Leute Jebat sehen wollten, würden sie auch Jebat sehen, selbst das Volk von Winhannat, das seine Königin eigentlich kennen sollte. Vielleicht würde der eine dem anderen zuflüstern: Sie sieht anders aus, nicht? Die Belagerung hat ihr ganz schön zugesetzt. Und ein anderer würde wispern: Das macht die Ehe. Bräute sehen immer anders aus als junge Mädchen.
Neben diesem Thron, auf dem Ascha nun zum ersten Mal saß, stand ein anderer, ein leerer Thron. Seit dem Tod von Jebats Eltern hatte es nicht mehr zwei Throne in dieser Halle gegeben. Es schien noch nicht ganz richtig, aber bald würden sich alle daran gewöhnt haben, sie würden einander zunicken und sagen: So muss es sein. Zwei Throne. König und Königin. Nun hat die legendäre Königin doch noch jemanden gefunden, der ihr ebenbürtig ist.

This entry was posted on Freitag, November 27th, 2020 at 20:05 and is filed under Fantasy. You can follow any responses to this entry through the RSS 2.0 feed. Both comments and pings are currently closed.

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