26
Nov

1. Kapitel “Königin aus Lied und Lüge”

   Posted by: admin   in Fantasy

Bis zum Erscheinen meines nächsten Romans “Königin aus Lied und Lüge” erwarten euch hier entweder neue Infos oder ein kurzes Kapitel aus dem Buch.

————————————————–
1. KAPITEL

Jetzt: Ihr Kinder

Ich werde euch eine Geschichte erzählen, liebe Kinder, eine Gutenachtgeschichte, damit ihr wisst, wovon ihr träumen könnt, wenn ich das Licht ausmache und die Tür schließe und ihr allein seid im Dunkeln. Und es wird tief in der Nacht sein, wenn die Geschichte zu Ende ist, sehr tief. Sie wird von Verrat handeln und von Blut, von Wahnsinn und Liebe, ja, liebe Kinder, haltet euch fest an euren Decken, grabt eure Gesichter in die Kissen, aber passt auf, dass ihr kein Wort verpasst von dem, was ich erzählen werde. Bedenkt, dass es draußen bereits dunkel ist, vergesst das ja nicht.
Es war einmal, und es ist noch nicht lange her – vielleicht hundert oder tausend Jahre oder auch bloß vier –, da lebte eine junge Königin namens Jebat. Sie hatte eine Freundin, die so alt war wie sie, am selben Tag geboren, und sie verlangte von ihr …
Nein.
So kann ich nicht anfangen, die Geschichte wurzelt weit früher in der Vergangenheit, Jahre zuvor.
Lasst mich noch früher beginnen, vor der Belagerung der Stadt, vor dem Krieg und vor der Schlacht, bevor Jebat Königin wurde. Als sie noch ein Kind war, und Ascha, ihre Freundin, auch.

Das Schloss. Dieses Schloss. Denkt an die dicken grauen Mauern, die wuchtigen runden Türme, die schmalen Fenster und die Schießscharten, die bunten Fahnen. Gardisten schreiten langsam durch die Gänge. Seht ihr sie vor euch – ihre Schwerter, ihre Helme, ihre Kettenhemden? Überall das Wappen von Winhannat, in Blau und Schwarz und Rot, herrliche Farben, bei deren Anblick alle unsere Feinde erblassen. Im Hof üben sich die Ritter im Kampf, sie schreien, sie lachen, sie prahlen. Hört ihr den Aufprall von Körpern auf der staubigen Erde? Das laute Aufeinanderkrachen von Schwert an Schwert? Klirrendes, dröhnendes Metall.
Die beiden Mädchen schauen zu, sie fechten mit Stöcken, sie ringen, sie feuern ihre auserwählten Kämpfer an. Jebat ist stärker als Ascha, sie wirft sie zu Boden; wenn sie um die Wette laufen, ist es immer Jebat, die gewinnt. Ihre Mutter, die Königin, lächelt. Ihr Vater schenkt ihr zwei Holzschwerter, eines für sie und eines für Ascha, aber Jebat weint; sie will ein richtiges Schwert.
»Wie alt bist du denn?«, fragt der König und lacht. »Sechs? Sieben? Und du willst schon in den Krieg ziehen?«
»Ich will Königin sein!«, ruft Jebat böse. »Lach nicht über mich.«
Sie reitet auf ihrem Pony durch das Dorf am Fuße der Schlossmauern und schreit: »Ich will Königin sein! Ich will Königin sein!«
Ihr versteht es, Kinder, nicht wahr? Den Wunsch, erwachsen zu sein, echte Dinge zu besitzen, nicht bloß Spielzeug. Schwerter und Pferde und Abenteuer, echte Abenteuer.
Denn ihr könnt euch echtes Blut nicht vorstellen. Oder echten Schmerz. Ihr kennt nur aufgeschlagene Knie und Nasenbluten und vielleicht den einen oder anderen Stich einer Wespe oder den Biss eines giftigen Käfers, ihr erinnert euch an das Brennen, das eure Haut überzog und euch zum Weinen brachte und das so lange nicht aufhörte.
Es wollte einfach nicht aufhören.

Von vielen solcher Begebenheiten könnte ich erzählen. Immer sind sie zusammen, Jebat und Ascha, wie Schwestern. Der König streicht beiden über den Kopf, über Jebats struppiges Haar, über Aschas weiches, er lächelt beide an. Als sie endlich alt genug sind, bekommen beide ein richtiges Schwert – es ist stumpf, aber aus Metall, immerhin –, und sie reiten beide auf großen Pferden, die brav und gutmütig sind, und fühlen sich wie Ritterinnen und Heldinnen. Sie ziehen sich beide festlich an und fühlen sich königlich. Aber nur eine von ihnen kann Königin sein, wenn es so weit ist, und es ist sehr früh so weit. Nur eine trägt eine Krone, wenn fremde Könige zu Besuch kommen, und nur vor einer verbeugen sich die Menschen. Und trotzdem sind sie immer noch zusammen, und neben Jebats geräumigem Schlafzimmer liegt Aschas kleine Stube, neben den königlichen Pferden steht Aschas gescheckte Stute, neben Jebats gepolstertem Stuhl im Speisesaal steht Aschas schlichter Schemel.
Sie sind wie Schwestern.
Wie oft soll ich es noch wiederholen, bis ihr es glaubt?
Ich fürchte, je öfter ich es sage, umso mehr beginnt ihr, zu zweifeln. Ihr fangt an, etwas anderes zu vermuten, etwas, das sich dunkel am Horizont abzeichnet.
Ist es Liebe? Ist es Feindschaft? Was wird es am Ende sein, wenn die zwei Kinder, die miteinander aufwachsen, erkennen, was sie trennt?
Aber ihr wollt nicht, dass ich zu viel vorwegnehme. Ihr wartet darauf, dass ich weitererzähle.
Die Belagerung. Die Belagerung von Winhannat ist wichtig, eigentlich ist es nur das, was ich euch erzählen will, eine Geschichte, die ihr nicht verstehen werdet.
Ich selbst habe sie nie richtig verstanden.

This entry was posted on Donnerstag, November 26th, 2020 at 10:42 and is filed under Fantasy. You can follow any responses to this entry through the RSS 2.0 feed. Both comments and pings are currently closed.

Comments are closed at this time.


Warning: load_template(/var/www/web562/html/wp-content/themes/aspire-10/footer.php) [function.load-template]: failed to open stream: Permission denied in /var/www/web562/html/wp-includes/theme.php on line 996