6
Dez

Die Königin ist da

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Es gibt nun auch das ganze Buch zum Lesen.

Unzählige Lieder erzählen die Geschichte von Jebat, der Königin von Winhannat.
Eine Heldin. Eine Legende. Eine Lüge.

Vor vier Jahren überließ die legendäre Königin Jebat ihrer Dienerin Ascha den Thron, damit diese an ihrer Stelle den Eroberer Rik heiratete. Rik und Ascha verliebten sich unsterblich ineinander. Oder nicht?
Vor sechs Jahren kam ein goldäugiger Prinz nach Winhannat, um Jebat zu heiraten, und verführte stattdessen Ascha. Oder war es gar nicht so?
Vor acht Jahren besiegte Königin Jebat im zarten Alter von fünfzehn den mächtigen Feind, der ihre Eltern tötete, und legte damit den Grundstein für ihren Ruhm. Sollten die Lieder lügen?
Und was hat das alles mit dem Pakt zu tun, den Jebats Vater mit einer Hexe schloss?

Jebat und Ascha – eine junge Königin, um die sich zahlreiche Lieder und Legenden ranken, und ihre unscheinbare Dienerin.
Risa und Siran – eine böse Zauberin und ein allzu hübscher Prinz.
Ihre Geschichte hängt zusammen. Sie alle sind Verse in Jebats Lied.
Oder?

Ein poetisches Fantasy-Märchen, in Rückblenden erzählt. Nur langsam enthüllt sich die ganze Geschichte. Oder war alles ganz anders?

30
Nov

2. Kapitel “Königin aus Lied und Lüge”

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2. Kapitel/3

»Zeigt mir die königlichen Gemächer, meine Königin«, verlangte er.
Sie führte ihn die Stufen wieder hinauf, breite Stufen, mit Teppich belegt, der ihre Schritte dämpfte. Die Zimmer des Königs zeigte sie ihm, seit Jahren unbewohnt, und die Zimmer der Königin. Es waren große Räume, aber im Vergleich zu der Pracht der Säle und Hallen, die er bis jetzt gesehen hatte, waren sie schlicht, ja sogar karg ausgestattet.
»So habe ich es gehört«, meinte er. »Ihr schlaft lieber in einem Zelt als in deinem Schloss.«
»Nichts weißt du«, entgegnete Jebat, »überhaupt nichts.«
»Ich möchte, dass wir …« Er unterbrach sich und berührte ihr schimmerndes Haar. Seine Fingerspitzen prickelten.
Sie wich seinem Blick aus. »Es sind noch Stunden bis zum Abend.«
»Ich muss wissen, dass ich wirklich König bin«, sagte er. »Ich muss es jetzt wissen.«
Zum Glück war Isra nicht hier. Isra und sein tadelnder Blick und sein warnendes Kopfschütteln. Isra, der ihm raten würde, zu warten. Und der ihn daran erinnern würde, dass Jebat zwar seine Gemahlin, aber immer noch Jebat war.
Rik schickte die Diener hinaus und befahl zwei seiner Soldaten, vor der Tür zu wachen. Während er das tat, stand die Frau am Fenster und sah hinaus auf die Stadt, die sie ihm gegeben hatte, um sie zu retten. Rik trat hinter sie und fühlte den Ansturm des Glücks, als er auf die Dächer herabsah, unter denen seine Untertanen lebten.
»Unsere Stadt«, sagte er. »Komm«, fügte er ungeduldig hinzu, begierig auf seinen endgültigen Triumph. Als sie nichts antwortete, den Blick nicht von der Aussicht abwandte, nahm er sie bei der Hand und führte sie, die sich nicht sträubte, zum Bett. Aber jetzt, da sie ihm so nah war, ein Gegenüber, vermochte er die Heldin der Lieder nicht mehr zu sehen. Was er nun sah, war ein junges, kindliches Gesicht, bleich vor Schrecken, verstört wie jemand, der aus furchtbaren Träumen gerissen wird, die Augen verschleiert vor Angst.
Da vergaß Rik sein Glück.
»Nein«, bat er, »fürchte dich nicht vor mir.«
Er streichelte ihr Haar mit einer Zärtlichkeit, die ihn selbst überraschte, der sich vorgestellt hatte, Winhannat und auch Jebat im Sturm zu nehmen, ohne Zögern, ohne sich aufhalten zu lassen, gewaltsam, wenn es nicht anders ging. Aber er konnte mit Ascha nicht tun, was er Jebat hatte antun wollen. Seine Hände wurden sanft und geduldig.
»Mach die Augen zu«, flüsterte er.
Es dauerte lange, bis sie sich so weit beruhigte, dass sie zu zittern aufhörte. Sein Verlangen nach ihr wurde immer größer; es war jedoch nicht mehr der Wunsch, Jebat zu besitzen, die Königin, sondern sie, dieses Mädchen mit der weichen Haut. Sie, die vor der Berührung seiner Hände erschrak. Er wollte ihr nicht wehtun und er wollte sie niemals loslassen, niemals aufhören. Sie.
(Ascha.)

Irgendwann schlief er ein, wobei ihm seltsam unglücklich zumute war. Er verstand dieses Gefühl erst, als er mitten in der Nacht erwachte und fand, dass er allein war. Das Bett war leer. Rik stand auf, um sie zu suchen, zu erreichen, er musste sie erreichen – sein Mädchen, seine Königin. Sie hasst mich, dachte er auf einmal, und es zerriss ihn innerlich.
Er warf sich seinen Umhang über und trat durch die Verbindungstür in die Gemächer der Königin. Aber dort war sie nicht. So ging er von Tür zu Tür, ohne ein Licht, auf der Suche nach den Lauten ihres Atems. Schließlich, am Ende der königlichen Räume, hinter der letzten Tür, fand er sie in einem verdunkelten kleinen Zimmer. Er hörte ihr Schluchzen durchs Dunkel. Jetzt hätte er gehen müssen, aber er vermochte es nicht.
»Jebat?«, fragte er leise in die Dunkelheit hinein.
Sie antwortete nicht, versuchte nur, ihr Weinen zu unterdrücken. Seine an die Finsternis gewöhnten Augen nahmen ihre Gestalt wahr. Sie lag auf dem Bett und weinte; nachdem sie das große Bett verlassen hatte, war sie in dieses schmale gekrochen, um ihren Tränen freien Lauf zu lassen. Er hatte kein Recht, sie zu stören.
Trotzdem blieb er, trotzdem trat er näher, er setzte sich neben sie und streichelte ihr Haar. Es war doch nicht möglich, dass sie ihn hasste, dass sie seinetwegen weinte. Sie war Jebat. Sie hatten gekämpft, und er war der Sieger. Dafür durfte sie ihn nicht hassen.
Sein Umhang fiel. Er legte sich zu ihr, hinter sie, die ihm den Rücken zugekehrt hatte. Scheu berührte er ihre Schulter. Er wünschte sich, sie trösten zu können – doch wie hätte er das tun können, da er doch die Ursache ihres Kummers war?

28
Nov

2. Kapitel “Königin aus Lied und Lüge”

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2. Kapitel/2

»Wie ruhig du bist«, raunte Jann der Soldat dicht neben ihr.
Ascha hatte keine Stimme, um ihm zu widersprechen. Äußerlich wirkte sie vielleicht ruhig und gefasst, aber in Wirklichkeit zitterte sie am ganzen Körper, und ihr Herz schlug so heftig, dass sie fürchtete, es könnte aussetzen.
Der Herold kündigte Rik an. »Steh jetzt auf«, sagte Jann neben ihr, aber sie blieb sitzen, nicht aus Hochmut oder Aufbegehren, sondern weil sie fürchtete, ihre Beine würden sie nicht tragen.
Musik. Und da kam er, Rik, der junge Eroberer, hinter ihm seine auserwählten Kämpfer.

Er ging rasch, nicht feierlich. Er war ungeduldig, in seinem Herzen war Freude und Staunen, auch Stolz, ungeheurer Stolz, er, Rik, Sohn armer Bauern, er nahm Winhannat ein, er wurde König! Und da saß sie, Jebat von der man Kriegerlieder sang, und obwohl sie nicht aufstand vor dem Sieger, würde er König sein an ihrer Seite.
»Jebat von Winhannat«, sagte der Herold, »empfängt Rik.«
Noch einmal tat ihm sein Name weh, die Kürze dieses Namens, das letzte Mal. Rik von Winhannat bald, es war ein Wunder, nein, es war mehr als das, es war Erfolg, für den er bitter gekämpft hatte.
Jebat schwieg immer noch.
»Wann«, ergriff der Herold wieder das Wort, »wünschst du die Trauung?«
»Sofort«, sagte Rik. »Feiern können wir später. Ich will es sofort.« Bevor sie mich töten lassen kann, dachte er, in sich hineinlächelnd. »Ich habe meinen eigenen Priester mitgebracht.« Er suchte Jebats Blick. Siehst du, auch daran habe ich gedacht. Falsche Trauworte wird es bei uns nicht geben. Aber sie sah ihn nicht richtig an, und er musste seinen Triumph für sich behalten. Doch seine Freude war groß genug, und er scharrte aufgeregt mit den Füßen.
»Ganz ruhig«, murmelte Isra, sein Ritter, hinter ihm.
Ein hagerer Mann mittleren Alters – ihr Ratgeber? – führte die Königin zu ihm. Nun, da sie vor ihm stand, sah er erst, wie jung sie war. Ein Mädchen. Sie war die größte Heldin, die die acht Königsstädte je hervorgebracht hatten, aber so sah sie nicht aus. Ihre Augen waren grau und ängstlich, das dunkelblonde Haar umrahmte ein kindliches Gesicht. Sommersprossen sprenkelten die kleine Stupsnase. Rik fragte sich, was er hier eigentlich verdammt noch mal tat, doch für einen Rückzieher war es längst zu spät. Der Priester ergriff seine und Jebats Hand und sprach die richtigen Worte.
»Jebat, gesegnete Tochter von Serl, König von Winhannat, und Kunita, Königin von Winhannat«, sagte er. »Und Rik, Sohn von Mako und Nora, gehört nun zusammen.«
Rik hatte vorher mit dem Priester vereinbart, die Berufe seiner Eltern auszulassen, obwohl das unüblich war. Ein Landpächter und eine Melkerin – nicht, dass er sich für seine Familie schämte. Seine Eltern hatten beide ihr Leben lang hart gearbeitet, und er hatte immer genug zu essen gehabt. Es war der Kontrast zu Jebats Herkunft, der ihm Unbehagen bereitete.
Der Priester segnete sie beide im Namen von Jodis, die Göttin ist über alles, und legte dann ihre Hände zusammen. Jebats Hand war kalt und verschwitzt, und er empfand unwillkürlich Mitleid, da sie so zitterte. Weil das Protokoll es verlangte, drückte er ihr einen flüchtigen Kuss auf die eiskalten Lippen.
Er hörte Isra leise lachen und Glückwünsche murmeln. »Gratuliere, König Rik.«
Konnte es wirklich wahr sein? König Rik von Winhannat, das war er nun! In diesem Moment hätte er schreien können vor Glück.
Sie traten hinaus auf den Balkon. Isra blieb dicht hinter ihm, der hagere Ratgeber stand hinter der Königin. Die Soldaten füllten den ganzen Platz aus, und ihre Rufe waren laut und froh. Rik winkte, und der Lärm wurde stärker.
»Wo sind die Bürger von Winhannat?«, fragte er. »Warum feiern sie nicht mit?«
»Wo ist das Brot, das du versprochen hast?«, fragte die Frau neben ihm zurück.
Rik wandte sich an Isra. »Die Vorräte«, sagte er zu seinem Ritter. »Es ist Zeit, dass sie verteilt werden. Und«, meinte er zu Jebat gewandt, »meine Männer müssen ihre Belohnung erhalten. Ich möchte, dass die Schatzkammer geöffnet wird. Wir wollen doch nicht, dass sie zu plündern beginnen.«
Jebat nickte.
Sie führte ihn durch den Palast. Es war das Schönste, was Rik je gesehen hatte – die bemalten Wände, die goldenen Rahmen, die Stoffe, die Teppiche. Es duftete nach Zitronenöl und Zedernholz, nicht nach Stroh und Hühnern und Abwasser wie unten in der Stadt. Ganz Winhannat stank nach Hunger und Verzweiflung, doch hinter den dicken Schlossmauern war es kühl, und das Aroma von Zitrone und frisch geschlagenem Holz hing in der Luft. Sogar die Königin roch danach, als wäre sie etwas, was ein Meisterhandwerker geschnitzt und belebt hatte, eine Frau, die nicht echt sein konnte, die aus Musik und Versen bestand.
Aber sie war echt. Sie war Jebat – Sommersprossen und verschwitzte Hände und graue Augen und eine heisere Stimme.
»Hier ist es.« Hinter diesen Türen lag also die Schatzkammer. Der Schatzmeister, ein knochiger Mann mit eingefallenen Wangen, stand davor und zögerte, Jebat den Schlüssel auszuhändigen, als täte es ihm leid um das, was er behütete. Er hatte ein Gesicht wie ein Jagdhund und knurrte leise, doch er gehorchte. Jebat ergriff den Schlüssel und öffnete. »Hast du es dir so vorgestellt?«
Hatte er Truhen erwartet, aus denen Gold und Perlen flossen? In der Schatzkammer herrschte strenge Ordnung. Auf den Regalen zur Linken stand Kiste an Kiste, jede davon sorgfältig beschriftet. Goldbarren bildeten eine glänzende Mauer auf der anderen Seite, und mit Münzen gefüllte Säcke waren ordentlich an der dritten Wand aufgestellt. Wie es aussah, hatte er seinem Heer nicht zu viel versprochen.
»Beeindruckt?«, fragte die Königin.
»Oh ja«, gab er freimütig zu, »das bin ich. Es wird genug übrig bleiben, wenn meine Soldaten ausbezahlt sind.«
Er betrat die Kammer, strich mit der Hand über die Goldbarren, hob den Deckel einer Kiste an und versuchte, die Menge an Münzen zu schätzen. »Die Lieder haben nicht gelogen. Ja, jetzt glaube ich, es ist alles wahr, was ich gehört habe.«
Er wandte sich an den Schatzmeister. »Ich habe jedem meiner Soldaten zehn Goldtaler versprochen. Sorg dafür, dass meine Hauptleute mit der Verteilung beginnen können.«
»Ein jeder, der von diesem Schatz etwas nimmt, wird sterben«, sagte Jebat. In diesem Moment wirkte sie nicht mehr ängstlich, sondern wütend, und mit Unbehagen erinnerte er sich an das Lied, in dem darüber gesungen wurde, wie sie dem König von Ilech ein Messer an die Kehle gesetzt hatte.
»Edle Königin, ich bin nun der König von Winhannat, ich habe das Recht dazu.« Trotzdem war ihm wieder bewusst geworden, wer sie war, diese bleiche Frau, Jebat, von der die Lieder erzählten. Vielleicht würde sie ihn doch noch ermorden, ihn und alle, die ihn hierher gebracht hatten. Er hatte die Verse schon auswendig gesungen, als er noch auf dem Feld Kartoffeln ausgrub. Jebat ähnelte darin kaum einer lebendigen Frau – sie war schier unbesiegbar. Er hatte sie bewundert und gehasst für alles, was sie war und er nicht sein durfte.
Doch nun war er hier. Niemand war unbesiegbar.

27
Nov

2. Kapitel “Königin aus Lied und Lüge”

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Die Entscheidung (2. Kapitel/1)

Jebat stand in der Mitte des Zimmers und warf den Kopf zurück, als sei es ihr lästig, das Haar aus der Stirn zu streichen, eine trotzige Geste wie ein junges Pferd. Ihr Haar, dunkelblond, ungekämmt, flutete ihr über die Schultern, auf den blauen Umhang, den sie über ihrer Rüstung trug; dichtes, zerzaustes Haar. Ihre blauen Augen jedoch waren nicht, wie Ascha erwartete, voller Zorn und Auflehnung, sondern glitzerten tränennass wie dunkle Tieraugen. Ein paar widerspenstige Strähnen fielen ihr ins Gesicht, aber sie machte sich nicht die Mühe, sie hinter ihr Ohr zu schieben. So stand sie mitten im Zimmer, und Ascha, mit dem Rücken zum Fenster, wartete, dass sie sprach. Es war offensichtlich, dass die Königin etwas Wichtiges zu sagen hatte.
»Ich habe mich entschieden.«
Das war es also, natürlich war es das. Das Belagerungsheer vor den Toren der Stadt wartete auf ihre Entscheidung, die ganze Stadt wartete ängstlich auf Jebats Antwort, auch Ascha wartete. Seit Monaten hatten die Feinde niemanden mehr nach Winhannat hinein- oder herausgelassen, und aus dem selbstbewussten Siegeswillen, der zu Beginn der Belagerung noch die ganze Stadt beherrscht hatte, war kleinlautes Jammern geworden. Der Hunger hatte sie besiegt. Nicht Rik, dachte Ascha, nur der Hunger. Er war der stärkste Feind, den es geben konnte, und nicht einmal Jebat, die berühmteste Königin der Wunderbaren Städte, konnte ihn überlisten.
Sie hatten darüber gesprochen, ob es nicht möglich wäre, Rik beizukommen. Aber alle ihre Pläne waren gescheitert. Ihre Verbündeten aus den anderen Städten – sie kamen nicht. Weder aus Barat noch aus Selion waren Soldaten anmarschiert, weder Wilojan noch Ralass hatten Hilfe geschickt. Auch Ilech, Trinza und Jaginor blieben stumm. Acht Städte gehörten zu ihrem Bund, und gemeinsam hätten sie Rik dahin zurückgeschickt, wo er herkam, doch entweder hatte Rik ihre Boten abgefangen oder die Nachricht von der Bedrängnis, in der sich die erste Wunderbare Stadt befand, war gar nicht bis zu ihnen vorgedrungen.
Vermutlich hatte er sämtliche Straßen gesperrt.
»Ich werde ihm mein Ja übermitteln lassen.«
Dennoch war Triumph in Jebats Worten, nicht die Trauer, die ihre Augen bewiesen, und Ascha fühlte eine seltsame Bangigkeit über sich kommen.
»Was wird geschehen?«, fragte sie.
»Ich kann die Stadt nicht für mich opfern. Das verstehst du doch, nicht wahr? Ich bin Königin, ich kann meine Stadt nicht opfern.«
Wen dann?, wollte Ascha fragen, aber sie nickte nur. »Ich weiß.«
»Er bekommt mein Ja. Ich lasse die Tore öffnen, und Rik wird herkommen und heiraten – dich. Tust du das für mich, Ascha? Sobald die Feinde in der Stadt sind, werde ich losreiten und Hilfe holen. Ich werde meinen Platz zurückerobern, bevor der neue König sich auch nur eingelebt hat.«
»Ich soll ihn heiraten?«
»Er hat mich nie gesehen. Er wird die Frau heiraten, die als Jebat auftritt.« Die Frage: Tust du das für mich?
Ascha erkannte sofort, wie geistreich diese Lösung war. Der vermessene Eroberer würde eine einfache Frau heiraten, und das würde ihm den Adel, nach dem er so gierte, nicht verleihen. Und die Verbündeten, die Jebat jetzt nicht erreichen konnte und die ihr später gegen den eigenen Mann nicht helfen durften, würden sie bereitwillig unterstützen, Rik wieder zu verjagen, wenn sie ihm nur für einige Zeit ihren Thron überlassen hatte. Rik, mit Jebats Freundin vermählt, ahnungslos sich am Ziel seiner Träume wähnend …
»Tust du das für mich?«
»Und er – Siran?« Der Mann, mit dem Ascha verlobt war, was war mit ihm?
»Ich werde ihn in den Kerker werfen lassen. Es ist ja nicht für lange.«
Ascha schloss die Augen, um Jebat nicht ansehen zu müssen. Siran im Kerker. Natürlich, er würde nicht schweigen, er würde schreien: Das ist meine Braut! Sie hörte seinen Schrei, wütend, ungläubig, verzweifelt: Ascha!
Tust du das für mich?
Jebat stand jetzt dicht vor ihr, die Augen gerötet von Tränen und zu wenig Schlaf, bleich, ihr Umhang war zerrissen. Ich müsste ihn nähen lassen, bevor ich ihn trage, dachte Ascha, ich müsste …
Für mich?
Königin.

Rik zog in die Stadt Winhannat ein wie ein Sieger: lachend und strahlend und aufgeregt, so aufgeregt. Er zog durch die breiten Straßen bis zum Palast, in dem Ascha auf ihn wartete. Sie trug Jebats Rüstung, Jebats Umhang, Jebats Schwert; von weitem konnte man sie für die Königin halten, denn sie war von gleicher Größe, fast gleicher Haarfarbe, ähnlicher Gestalt. Sie waren sich schon immer so ähnlich gewesen, fast wie Zwillinge, wenn man nicht direkt vor ihnen stand und ihnen in die Gesichter sah, um überrascht festzustellen, dass jede von ihnen ihr eigenes Gesicht besaß. Ascha saß auf dem Thron und wusste, dass niemand, der sie nicht gut kannte, den Betrug bemerken würde. Wenn die Leute Jebat sehen wollten, würden sie auch Jebat sehen, selbst das Volk von Winhannat, das seine Königin eigentlich kennen sollte. Vielleicht würde der eine dem anderen zuflüstern: Sie sieht anders aus, nicht? Die Belagerung hat ihr ganz schön zugesetzt. Und ein anderer würde wispern: Das macht die Ehe. Bräute sehen immer anders aus als junge Mädchen.
Neben diesem Thron, auf dem Ascha nun zum ersten Mal saß, stand ein anderer, ein leerer Thron. Seit dem Tod von Jebats Eltern hatte es nicht mehr zwei Throne in dieser Halle gegeben. Es schien noch nicht ganz richtig, aber bald würden sich alle daran gewöhnt haben, sie würden einander zunicken und sagen: So muss es sein. Zwei Throne. König und Königin. Nun hat die legendäre Königin doch noch jemanden gefunden, der ihr ebenbürtig ist.

26
Nov

1. Kapitel “Königin aus Lied und Lüge”

   Posted by: admin   in Fantasy

Bis zum Erscheinen meines nächsten Romans “Königin aus Lied und Lüge” erwarten euch hier entweder neue Infos oder ein kurzes Kapitel aus dem Buch.

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1. KAPITEL

Jetzt: Ihr Kinder

Ich werde euch eine Geschichte erzählen, liebe Kinder, eine Gutenachtgeschichte, damit ihr wisst, wovon ihr träumen könnt, wenn ich das Licht ausmache und die Tür schließe und ihr allein seid im Dunkeln. Und es wird tief in der Nacht sein, wenn die Geschichte zu Ende ist, sehr tief. Sie wird von Verrat handeln und von Blut, von Wahnsinn und Liebe, ja, liebe Kinder, haltet euch fest an euren Decken, grabt eure Gesichter in die Kissen, aber passt auf, dass ihr kein Wort verpasst von dem, was ich erzählen werde. Bedenkt, dass es draußen bereits dunkel ist, vergesst das ja nicht.
Es war einmal, und es ist noch nicht lange her – vielleicht hundert oder tausend Jahre oder auch bloß vier –, da lebte eine junge Königin namens Jebat. Sie hatte eine Freundin, die so alt war wie sie, am selben Tag geboren, und sie verlangte von ihr …
Nein.
So kann ich nicht anfangen, die Geschichte wurzelt weit früher in der Vergangenheit, Jahre zuvor.
Lasst mich noch früher beginnen, vor der Belagerung der Stadt, vor dem Krieg und vor der Schlacht, bevor Jebat Königin wurde. Als sie noch ein Kind war, und Ascha, ihre Freundin, auch.

Das Schloss. Dieses Schloss. Denkt an die dicken grauen Mauern, die wuchtigen runden Türme, die schmalen Fenster und die Schießscharten, die bunten Fahnen. Gardisten schreiten langsam durch die Gänge. Seht ihr sie vor euch – ihre Schwerter, ihre Helme, ihre Kettenhemden? Überall das Wappen von Winhannat, in Blau und Schwarz und Rot, herrliche Farben, bei deren Anblick alle unsere Feinde erblassen. Im Hof üben sich die Ritter im Kampf, sie schreien, sie lachen, sie prahlen. Hört ihr den Aufprall von Körpern auf der staubigen Erde? Das laute Aufeinanderkrachen von Schwert an Schwert? Klirrendes, dröhnendes Metall.
Die beiden Mädchen schauen zu, sie fechten mit Stöcken, sie ringen, sie feuern ihre auserwählten Kämpfer an. Jebat ist stärker als Ascha, sie wirft sie zu Boden; wenn sie um die Wette laufen, ist es immer Jebat, die gewinnt. Ihre Mutter, die Königin, lächelt. Ihr Vater schenkt ihr zwei Holzschwerter, eines für sie und eines für Ascha, aber Jebat weint; sie will ein richtiges Schwert.
»Wie alt bist du denn?«, fragt der König und lacht. »Sechs? Sieben? Und du willst schon in den Krieg ziehen?«
»Ich will Königin sein!«, ruft Jebat böse. »Lach nicht über mich.«
Sie reitet auf ihrem Pony durch das Dorf am Fuße der Schlossmauern und schreit: »Ich will Königin sein! Ich will Königin sein!«
Ihr versteht es, Kinder, nicht wahr? Den Wunsch, erwachsen zu sein, echte Dinge zu besitzen, nicht bloß Spielzeug. Schwerter und Pferde und Abenteuer, echte Abenteuer.
Denn ihr könnt euch echtes Blut nicht vorstellen. Oder echten Schmerz. Ihr kennt nur aufgeschlagene Knie und Nasenbluten und vielleicht den einen oder anderen Stich einer Wespe oder den Biss eines giftigen Käfers, ihr erinnert euch an das Brennen, das eure Haut überzog und euch zum Weinen brachte und das so lange nicht aufhörte.
Es wollte einfach nicht aufhören.

Von vielen solcher Begebenheiten könnte ich erzählen. Immer sind sie zusammen, Jebat und Ascha, wie Schwestern. Der König streicht beiden über den Kopf, über Jebats struppiges Haar, über Aschas weiches, er lächelt beide an. Als sie endlich alt genug sind, bekommen beide ein richtiges Schwert – es ist stumpf, aber aus Metall, immerhin –, und sie reiten beide auf großen Pferden, die brav und gutmütig sind, und fühlen sich wie Ritterinnen und Heldinnen. Sie ziehen sich beide festlich an und fühlen sich königlich. Aber nur eine von ihnen kann Königin sein, wenn es so weit ist, und es ist sehr früh so weit. Nur eine trägt eine Krone, wenn fremde Könige zu Besuch kommen, und nur vor einer verbeugen sich die Menschen. Und trotzdem sind sie immer noch zusammen, und neben Jebats geräumigem Schlafzimmer liegt Aschas kleine Stube, neben den königlichen Pferden steht Aschas gescheckte Stute, neben Jebats gepolstertem Stuhl im Speisesaal steht Aschas schlichter Schemel.
Sie sind wie Schwestern.
Wie oft soll ich es noch wiederholen, bis ihr es glaubt?
Ich fürchte, je öfter ich es sage, umso mehr beginnt ihr, zu zweifeln. Ihr fangt an, etwas anderes zu vermuten, etwas, das sich dunkel am Horizont abzeichnet.
Ist es Liebe? Ist es Feindschaft? Was wird es am Ende sein, wenn die zwei Kinder, die miteinander aufwachsen, erkennen, was sie trennt?
Aber ihr wollt nicht, dass ich zu viel vorwegnehme. Ihr wartet darauf, dass ich weitererzähle.
Die Belagerung. Die Belagerung von Winhannat ist wichtig, eigentlich ist es nur das, was ich euch erzählen will, eine Geschichte, die ihr nicht verstehen werdet.
Ich selbst habe sie nie richtig verstanden.

25
Nov

Königin aus Lied und Lüge

   Posted by: admin   in Fantasy

Bald gibt es etwas Neues von mir. Noch nicht die Fortsetzung der “Königin der Tränen” – daran arbeite ich noch. Stattdessen gibt es einen Roman über eine andere Königin zu lesen. Das hier wird ein in sich abgeschlossener Einzelband.

KÖNIGIN AUS LIED UND LÜGE

Unzählige Lieder erzählen die Geschichte von Jebat, der Königin von Winhannat.
Eine Heldin. Eine Legende. Eine Lüge.

Vor vier Jahren überließ die legendäre Königin Jebat ihrer Dienerin Ascha den Thron, damit diese an ihrer Stelle den Eroberer Rik heiratete. Rik und Ascha verliebten sich unsterblich ineinander. Oder nicht?
Vor acht Jahren besiegte Königin Jebat im zarten Alter von fünfzehn den mächtigen Feind, der ihre Eltern tötete, und legte damit den Grundstein für ihren Ruhm. Sollten die Lieder lügen?
Vor vierundzwanzig Jahren schloss Jebats Vater einen Pakt mit einer Hexe, um seine Macht zu sichern, versprach ihr sein erstgeborenes Kind und betrog sie anschließend um ihre Belohnung. Was passierte wirklich?
Vor sechs Jahren kam ein goldäugiger Prinz nach Winhannat, um Jebat zu heiraten, und verführte stattdessen Ascha. Oder war es gar nicht so?

Jebat und Ascha – eine junge Königin, um die sich zahlreiche Lieder und Legenden ranken, und ihre unscheinbare Dienerin.
Risa und Siran – eine böse Zauberin und ein allzu hübscher Prinz.
Ihre Geschichte hängt zusammen. Sie alle sind Verse in Jebats Lied.
Oder?

Ein poetisches Fantasy-Märchen, in Rückblenden erzählt. Nur langsam enthüllt sich die ganze Geschichte. Oder war alles ganz anders?

4
Jun

Aufräumen

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Wie ihr vielleicht gemerkt habt, bin ich gerade dabei, meine Website ein bisschen aufzuräumen und auszumisten. Es kann noch eine Weile dauern, bis alles da ist, wo ich es haben will. Schaut euch ruhig trotzdem um.

4
Jun

Neue Fantasy-Trilogie

   Posted by: admin   in Fantasy

Der erste Teil meiner neuen Trilogie ist raus. Hinter dem hübschen Cover versteckt sich die Geschichte von vier ungewöhnlichen Figuren.

Eine trauernde Königin, die ihre große Liebe verlor.
Eine Mätresse, die sich wünscht, die neue große Liebe die Königin zu sein, und die alles dafür riskiert.
Ein Mönch, der dem Gott des Eises dient und immerzu friert.
Und eine junge Liebeszauberin, die ihre eigene Stärke entdeckt.

Ein wahnsinniger Gott. Eine rätselhafte Göttin. Ein gefährlicher Mönchsorden. Eine erbarmungslose Welt voller Magie und Ungeheuer.

21
Apr

Lebenszeichen

   Posted by: admin   in Allgemein

Hallo, ihr Lieben!
Ich habe mich hier in letzter Zeit ziemlich rar gemacht, da ich kein neues Buch präsentieren konnte.
Aber bald ist es wieder so weit.
Ich wollte euch im März den ersten Band meiner neuen Trilogie vorstellen, doch es dauert länger als gedacht. Da waren noch so viele Ideen und Bildern im Kopf, die ich unbedingt noch einfügen musste, und je tiefer ich in die Geschichte eintauche, umso mehr Ideen kommen.
Daher kann ich schon mal sagen: Es dauert noch ein bisschen. Aber ich arbeite dran.

17
Mrz

Drachenjahr

   Posted by: admin   in Fantasy

Habt ihr schon meinen neuesten Roman gesehen?

Endlich hat Juna die Prüfung zur Pilotin bestanden und darf sich Wächterin von Aibar nennen. Zusammen mit ihrem neuen Team von Turm 3-21 beschützt sie die Stadt Cunda vor den Drachen. Die Anzeichen verdichten sich, dass das nächste Drachenjahr kurz bevorsteht und ein gewaltiger Drachenschwarm über die Millionenstadt herfallen wird. Dann erscheint auch noch ein Raumschiff im Orbit. Die Morgenröte, die vor vierzig Jahren losgeschickt wurde, um einen bewohnbaren Planeten zu suchen, ist zurück und erklärt Cunda den Krieg. Dabei möchte Juna doch nur fliegen und ihre neue Chefin, die schöne Priesterin Riva, besser kennenlernen. Und die Liebe zu Nai vergessen. Eine Liebe, die tragisch endete. Denn Nai war ein Klon …

Drachen. Ein Raumschiff. Eine lesbische Heldin. Klone. Telekinese. Mehr Drachen. Eine schöne Priesterin. Die Wüste. Der Mond. Und noch mehr Drachen.


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